Wege der Zärtlichkeiten

Von: Miss Fantasy

Erstellt am: 26.03.2010 um: 23:01:00

Hallo, Ich schreibe seit einigen Monaten an einer Liebesgeschichte. Anfangs hat es zwar damit noch nicht viel zu tun, aber das kommt später... Mit dem Titel habe ich so meine Probleme, der gefällt mir noch nicht so ganz. Vielleicht hat ja einer von euch noch eine Idee? Ich schreibe jetzt einfach mal das, was ich bisher habe. Würde mich über Kommentare freuen. Viel Spaß beim lesen... Kapitel 1 Die Schulglocke schrillte. „Puh, das wurde auch langsam mal Zeit.“ Maya seufzte erleichtert auf. Sie warf einen Blick auf ihre Zwillingsschwester, die, den Kopf auf die Arme gestützt, da saß und döste. „He, aufstehen! Die Schule ist zu Ende.“ Leonie setzte sich verwirrt auf. „Na endlich. Ich dachte schon, die würde nie aufhören mit reden.“ sie warf ihren Ordner und das Mäppchen achtlos in ihren Rucksack. Während sie nach draußen zu ihren Rädern gingen, unterhielten sie sich über den heutigen Schultag. „Oh Mann. Mathe habe ich überhaupt nicht verstanden“ stöhnte Leonie, als sie das Schloss an ihrem Rad öffnete. „Potenzen sind so was von kompliziert.“ „Ach was. Das ist doch ganz einfach.“ Maya strich sich die schulterlangen, rotblonden Haare aus dem Gesicht. „Wenn du die Potenzzahl drei hast und fünf potenzieren sollst, dann….“ setzte sie sofort zur Erklärung an. Sie kannte Leonie so gut, dass sie Leonie immer sofort ansah, wenn diese etwas nicht verstanden hatte. So konnte sie ihrer Schwester oft in der Schule helfen. Umgekehrt konnte Leonie fühlen, wie es ihrer Schwester ging. Selbst, wenn Maya nicht in der Nähe war. Ihre Mutter sagte immer, die zwei seien „ein Herz und eine Seele, die sich immer ergänzen und gegenseitig unterstützen“. „Maya,“ hörten sie eine Stimme rufen „Hey, Maya, warte doch mal!“ es war Mandy Kaminski. Sie war eine Klasse über den Zwillingen und war im selben Tanzverein wie Maya. Als sie die beiden erreicht hatte blieb sie keuchend stehen. Sie schaute von einem braunen Augenpaar zum nächsten. Außer der Haarlänge gab es bei den Zwillingen keine äußerlichen Unterschiede. Beide waren schlank, groß, hatten braune Augen und rotblondes, seidiges Haar. „Was habt ihr heute Nachmittag vor?“ fragte Mandy, als sie wieder zu Atem gekommen war. Maya antwortete: „Ich hab doch heute tanzen." "Tanzen?" Mandy war verwirrt. Aber heute ist doch Montag..." "Ja," sagte Maya ungeduldig. "Aber ich habe ein Sondertraining, wegen meinem Solo in drei Monaten." "Ach so, stimmt ja." fiel es Mandy wieder ein. "Und du?" wandte sie sich an Leonie. "Ich gehe mit Caro ins Kino.“ „Ach so. Na, dann bis morgen." sagte Mandy. Es war ein warmer Frühsommertag. Die Sonne schien warm auf die Felder. Das Gras duftete süß. Maya und Leonie fuhren zu der örtlichen Eisdiele und bestellten ihre Lieblingssorte- Zitrone und Schokolade- und radelten dann die letzten 2 Kilometer nach Hause. Zuhause angekommen stellten sie ihre Räder in den alten Schuppen und gingen in die Küche. Es duftete nach Tomatensoße. Auf dem Esstisch lag ein Zettel: Musste noch zu einem Kunden, komme um 18 Uhr wieder. Essen ist im Kühlschrank. Gruß, Papa Die Eltern der Geschwister waren vielbeschäftigte Leute. Ihre Mutter Yvonne arbeitete bei einer Computerfirma als Sekretärin und war den ganzen Tag unterwegs, Ihr Vater Ulrich arbeitete im mobilen Dienst als Installateur für Heizungen in ganz Deutschland. Das hieß, dass er oft mehrere Tage nicht zu Hause war. Maya seufzte. „Schon wieder. Manchmal frage ich mich, was wir von Mama und Papa noch haben. Die sind ja kaum noch da.“ „Ja,“ bestätigte Leonie. „Aber wir haben ja noch uns.“ Es war nicht so, dass sie ihren Eltern deswegen böse waren, aber manchmal hätten sie gerne mehr mit ihnen gemeinsam unternommen… „Was haben wir eigentlich heute auf?“ Wollte Leonie wissen, während sie ihre Spaghetti auf eine Gabel rollte. „Mathe, Deutsch und Englisch“ Erwiderte Maya. „Hmm, dann hab ich ja noch einiges zu tun heute, wenn ich es rechzeitig zum Kino schaffen will." sie unterbrach sich. „Und Mathe muss wirklich sitzen. Die Steinberg hat heute so Andeutungen gemacht. Ich glaube die schreibt nächste Woche eine Arbeit….“ Leonie seufzte. „Und noch eine schlechte Note kann ich mir nicht leisten.“ „Stimmt“ pflichtete Maya ihrer Schwester bei. Sie überlegte. „Also gut. Ich komm um 20 Uhr wieder und dann helfe ich dir mit Mathe. Einverstanden?“ „Geht klar, Boss!“ witzelte Leonie. Eine Stunde später hatte Maya ihre Schulaufgaben erledigt und sprang auf ihr Rad. Jetzt musste sie sich aber beeilen, sonst kam sie womöglich noch zu spät. „Viel Spaß im Kino“ rief sie ihrer Schwester über die Schulter zu, dann flitzte sie davon. Maya fuhr die hügelige Landstraße hinunter und träumte vor sich hin. Sie wollte Weltmeisterin in Hip Hop werden, doch dazu würde sie noch viel trainieren müssen. Ob ihre Eltern ihr später die professionelle Schule zahlen würden? Jäh wurde sie aus ihren Gedanken gerissen. Ein silbern weißer Kombi kam auf sie zugerast. Und, was das schlimmste war, er fuhr Schlangenlinien. Rasend schnell kam das Auto auf sie zu,. Die Reifen quietschten auf dem Asphalt. Er würde direkt mit ihr zusammenstoßen. Was sollte sie nur tun? Ausweichen konnte sie nicht, denn auf beiden Seiten war dichter Wald. Sie fuhr so nah wie möglich an denn Fahrbahnrand, in der Hoffnung, der Fahrer würde sie bemerken und ausweichen. Doch entweder war er betrunken oder er hatte sie nicht gesehen, denn er drosselte das Tempo nicht. Vor Angst konnte sich Maya nicht bewegen, „Hilf mir.“ flehte sie. „irgendwer.“ Jetzt war der Wagen nur noch zwei Meter von ihr entfernt und sie konnte nichts tun. Noch ein Meter… Sie hielt den Atem an. Knall!! Er hatte sie voll erwischt. Maya wurde von ihrem Rad gerissen. Sie spürte wie sie durch die Luft flog. Sah den Erdboden näher kommen. Schrie. Mit voller Wucht landete sie auf dem Asphalt. Fühlte einen stechenden Schmerz im Rücken. Sie schlitterte einige Meter die Straße hinab, dann stieß sie mit dem Kopf auf etwas hartes. Sie hörte noch, wie sich das Auto entfernte, dann wurde es schwarz um sie. Justin Ahlborn war auf dem Weg nach Hause gewesen, als ein Kombi an ihm vorbeiraste. Er erschrak. Um ein Haar hätte der Mistkerl ihn erwischt. Rasch sah er dem Auto nach, das sich Schlangenlinien fahrend entfernte. Geistesgegenwärtig seg er nach dem Nummernschild. Sein Vater war Polizist. Wenn der das hörte... Plötzlich hörte er aus einiger Entfernung einen Knall und dann einen Schrei. Oh Gott. Was war da passiert? Er radelte so schnell er konnte weiter. Als er um die Ecke bog, sah er noch, wie der silbernweiße Kombi Gas gab. Und dort, auf dem harten Asphalt lag ein Mädchen.... Jetzt war er bei ihr angekommen. Offenbar war sie bewusstlos, denn sie rührte sich nicht. Und in ihren Haaren klebte Blut. Er schluckte. Was sollte er nur tun? Rasch zog er sein Handy aus der Tasche und rief den Notarzt an. Yvonne Geske war wieder einmal gestresst. Ständig riefen Leute an, die Probleme mit ihrem neuen Computer hatten. Gerade hatte sie wieder ein Gespräch mit einer aufgeregten Kundin hinter sich, welche so dringend einen PC brauchte, aber niemenden hatte der ihr bei der Installation helfen konnte. Also hatte sie einen ihrer Kollegegn vorbei geschickt. Sie seufzte. Im Moment war einfach sehr viel los. Sie sah auf die Uhr. Halb fünf. Und sie hatte nicht zu Mittag gegessen. Da kam Josephine herein. "Bist du immernoch hier? Komm, ich hab gerade sowieso kaum zu tun. Ich mach hier weiter dann kannst du eine Pause machen." Yvonne lächelte. Josi war schon in Ordnung. Sie war Ende 20 und als Runnerin angestellt. Sie hatte zwar eine Ausbildung gemacht, sodass sie eigentlich wie Yvonne als Sekretärin arbeiten könnte, aber sie hatte nirgendwo eine Stelle bekommen. Sie war froh überhaupt irgendetwas zu bekommen, als sie sich hier beworben hatte. "Danke dir." sagte sie. "Ich beeile mich." Sie war schon fast an der Tür, da klingelte das Telefon. Josephine hob ab. "Computerfirma Blechmann und Co. was kann ich für sie tun?" meldete sie sich. Yvonne öffnete die Tür und wollte hinaus gehen, da: "Einen Moment bitte. Yvonne, da ist einer vom Krankenhaus am Telefon, der will mit dir sprechen." "Wo bleibt sie denn nur. Wo bleibt sie denn nur." Leonie lief nervös im Wohnzimmer auf und ab. Normalerweise war Maya doch immer superpünktlich. Doch jetzt war es schon 20.30 und ihre Schwester war immernoch nicht zurück. Ob ihr etwas passiert war? Aber vielleicht hatte sie ja auch nur die Zeit vergessen. Und doch... Leonie griff nach dem Telefon und wählte die Nummer ihrer Schwester: Mailbox! Das durfte ja wohl nicht wahr sein. In dem Moment öffnete sich die Haustür. "Maya?" rief Leonie. Sie lief zur Tür. Aber es war nicht Maya, sondern ihre Eltern. Und sie sahen sehr besorgt aus. "Ist etwas passiert?" fragte Leonie alarmiert. Ihre Mutter nickte. "Maya hatte einen Unfall." Familie Geske war nervös. Sie saßen in einem düsteren Gang des Nürnberger Krankenhauses. Offenbar funktionierte das Licht hier nicht richtig. Hier roch es nach Desinfektionsmitteln, Medikamenten und all den anderen unangenehmen Dingen, die es in einem Krankenhaus gab. „Wie lange dauert das denn noch?“ stöhnte Leonie. Sie wusste immernoch nicht, was genau passiert war und die Ungewissheit machte sie noch verrückt. Alles was sie wussten, war, dass anscheinend jemand ihre Schwester angefahren und Fahrerflucht begangen hatte. Und nun hatte Maya eine schwere Kopfverletzung... In diesem Moment trat der Arzt auf die Familie zu. Er sah sehr ernst aus. „Es tut mir Leid, aber es sieht nicht gut aus. Ihre Tochter hat ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten. Sie ist noch immer ohne Bewusstsein.“ Vor Schreck musst Leonie sich setzen. Ulrich drückte die Hand seiner Frau. „Aber sie wird doch überleben, oder?“ fragte er beklommen. „Sie hat sehr viel Blut verloren. Aber wenn es keine Komplikationen gibt, besteht kein Grund zur...“ In diesem Moment wurden sie von einer Schwester unterbrochen. „Doktor, schnell! Kammerflimmern!“ Sofort rannte der Arzt zurück in das Zimmer. Durch die halb offene Tür konnte Leonie sehen, was sich dort drinnen abspielte. Auf dem Monitor waren keine gleichmäßigen Zacken zu sehen sondern sehr viele kleine unregelmäßige. Der Arzt setzte gerade die Elektroden des Defibrillators an. Plötzlich zeigte das EKG nurnoch eine gerade Linie. Panik stieg in ihr auf. Sie wusste was das bedeutete: Herzstillstand. Dann führte der Arzt eine Herzdruckmassage durch. Nichts geschah. Und dann noch einmal. Diesmal schien es Erfolg zu haben. Der anhaltende Piepton im Hintergrund wurde zu einem kurzen, regelmäßigen Piepen. Leonie atmete auf. Ihre Schwester lebte. Leonie saß da und starrte vor sich hin. Ihre Schwester war auf die Intensivstation gebracht worden. Doch wie sollte es jetzt weitergehen? Sie wussten noch immer nicht, was genau mit Maya los war. Wenigstens ist sie am Leben, dachte Leonie traurig. Das ist die Hauptsache. Allerdings war es nicht sicher, ob sie überleben würde. Der Arzt hatte gesagt, man müsse die nächsten 24 Stunden abwarten. Sie hörte Schritte. Als sie aufsah, trat der Arzt auf sie zu. Die Eltern sprangen sofort auf. „Wie geht es Maya?“ fragte Yvonne sofort. Der Arzt seufzte. „ Sie hat sich bei dem Sturz das Bein gebrochen. Und bei einem CT haben wir noch festgestellt, dass sich die unteren Lendenwirbel verschoben haben. Wir haben sie wieder gerade gerückt. Aber ob dabei Nerven abgeklemmt oder das Rückenmark beschädigt wurden, konnten wir bisher nicht feststellen.“ „Was, was bedeutet das?“ fragte Leonie ängstlich. Bitte lass es nichts schlimmes sein, dachte sie. „Das bedeutet,“ antwortete der Arzt, „wenn tatsächlich Rückenmark beschädigt ist, kann es sein, dass sie querschnittsgelähmt ist.“ Leonie schnappte nach Luft. Oh nein! Bitte nicht. Das durfte nicht passieren. „Außerdem hat sie eine Gehirnblutung erlitten. Sie liegt im Koma.“ Scheiße! Dachte Leonie verzweifelt. Wut überkam sie. Wenn sie den erwischte, der ihrer Schwester das angetan hatte, der konnt was erleben. „Können wir jetzt vielleicht zu ihr?“ sagte Yvonne endlich. „Natürlich. Folgen sie mir.“ Der Arzt führte sie den Gang entlang. Langsam beschlich Leonie ein ungutes Gefühl. Sie hasste Krankenhäuser. Ganz besonders Intensivstationen. Sie rochen immer nach Schmerz, Leid und Trauer. Je näher sie der Tür kamen, desto mulmiger wurde ihr. Wie würde ihre Schwester wohl aussehen? „Kommen sie bitte hier herein.“ Die schwere Tür wurde ihnen aufgehalten. Die Familie betrat das Krankenzimmer. Dort lag Maya. Leonie blieb die Luft weg. Das war ja schlimmer als im Film. Ihre Schwester war durch viele Schläuche mit verschiedenen Maschinen verbunden. Ihr rechtes Bein war bis zur Hüfte eingegipst. Die Augen waren fest geschlossen. Sie lag völlig bewegungslos da. Und, was das Schlimmste war, ihr zierliches Gesicht verschwand fast hinter einer Sauerstoffmaske. „Maya!“ flüsterte Leonie leise. Das war ja grauenhaft zu sehen, wie Maya da hilflos im Bett lag. Mit einem Mal schwirrten ihr tausend Fragen durch den Kopf. Was, wenn ihre Schwester das nun nicht überleben sollte? Sie wusste nicht was sie dann tun würde. Wenn sie nicht wieder ganz gesund wurde? Auf einmal war ihr furchtbar kalt. Sie zitterte. Tränen quollen ihr aus den Augen. Das war alles einfach zu schrecklich. Vorsichtig nahm sie die schlaffe Hand ihrer Schwester in ihre. „Oh Maya,“ flüsterte Leonie so leise, dass ihre Eltern sie nicht verstehen konnten. „Maya, lass mich nicht im Stich! Ich brauche dich.“ Sie wusste nicht, wie lange sie schon so dagestanden hatte, als sie eine Hand auf ihrer Schulter spürte. Ihre Mutter hatte den Arm um sie gelegt. Die ganze Zeit hatten ihre Eltern stumm hinter ihr gestanden. Jetzt sagte ihre Mutter etwas. Auch sie hatte Tränen in den Augen. „Leo, Schatz,“ sagte sie schließlich mit bebender Stimme. „Das ist alles so schlimm. Aber wir können jetzt nichts tun. Wir müssen abwarten, was passiert. Komm, wir gehen nach Hause. Falls es etwas Neues gibt, werden sie uns anrufen.“ Lange sah ihre Mutter an, doch im Grunde sah sie sie nicht wirklich. "Mutti," sagte Leonie schließlich leise. "Kann ich nicht bei ihr bleiben? Wir können sie doch jetzt nicht alleine lassen." Yvonne seufzte. Es war ihr nicht recht, dass Leonie bleiben wollte. Schließlich war sie erst siebzehn. Und außerdem war sie nicht besonders gut in der Schule und wenn sie den Anschluss verpasste... aber sie konnte auch verstehen dass sie bei ihrer Schwester bleiben wollte. Yvonne sah Ulrich an und der nickte. "Ok, meinetwegen kannst du hier bleiben. Aber um 2 komme ich dich abholen, damit du wenigstens noch ein bisschen Schlaf bekommst." Leonie nickte. Das war doch immerhin etwas. Als ihre Eltern gegangen waren setzte sich Leonie zu ihrer Schwester aufs Bett und betrachtete sie. Das Mädchen hatte viele Schürfwunden und blaue Flecken im Gesicht und an den Armen. Leonie streichelte sachte Mayas Hand. "Hoffentlich wirst du wieder gesund, Maya. Ich weiß nicht, was ich ohne dich tun soll. Wir haben bisher doch immer alles zusammen gemacht. In der Schule, die Hausaufgaben und auch nach der Schule, einfach alles. Ich erinnere mich noch genau daran, als Mutti mit uns in diesen komischen Naturfilm im Kino gehen wollte. Da hatten wir doch so getan als hätten wir auf einmal Grippe, weißt du noch? Und als wir Papa dazu überreden wollten, uns ein Pferd zu kaufen damit wir Janna eins auswischen konnten?" Leonie schmunzelte. Ihr Vater hatte sie sofort durchschaut. Vielleicht hätten sie nicht so lautstark darüber reden sollen dass sie reiten nicht mochten... Leonie lauschte in die Stille. Nichts regte sich. Und kein Laut war zu hören außer dem regelmäßigen Piepsen der Geräte. Sie fröstelte. Ein bisschen unheimlich war es schon, so ganz alleine nachts im Krankenhaus zu sein. Aber für ihre Schwester würde sie eben alles tun, das ließ sich nicht ändern. Seufzend stand sie auf. Die Uhr an der Wand zeigte gerade ein Uhr. Leonie hatte vom langen Sitzen steife Glieder. Nachdem sie eine Weile im Zimmer auf und ab gegangen war, setzte sie sich ans Kopfende des Bettes. Gedankenverloren strich sie ihrer Schwester durchs Haar. Was hatte der Arzt vorhin gesagt was ihre Schwester hatte? Schädel-Hirn-Trauma? Das hörte sich nicht gut an, aber sie hatte keinen blassen Schimmer was das war. Und dann möglicherweise querschnittsgelähmt? Das durfte einfach nicht passieren. Leonie legte sich neben ihre Schwester und nahm sie in den Arm. "Ich bin bei dir. Ich lasse dich nicht im Stich, egal was passiert." Das nächste was sie mitbekam war, dass ihre Eltern neben dem Krankenbett standen. "Leo, schätzchen, wach auf." Das war ihr Vater. Verschlafen öffnete sie die Augen. "Alles in Ordnung?" fragte ihre Mutter besorgt. "Ja, klar." Murmelte sie "Ich muss wohl eingeschlafen sein." "Schon gut," sagte ihr Vater. Aber er sah nicht sie an sondern Maya. Dann legte er Leonie einen Arm um die Schultern und meinte: "Komm, wir gehen nach Hause. Da kannst du dann in deinem eigenen Bett schlafen. Mutti bleibt bei Maya." Wenig später lag Leonie im Bett, aber sie konnte nicht schlafen. Sie hatte tausende Bilder im Kopf. Maya im Krankenbett, mit den vielen Schläuchen. Die lustige, aufgeweckte Maya beim tanzen. Sie hoffte so sehr, dass Maya sich wieder erholte. Was war eigentlich dieses Schädel-Hirn-Trauma? Sie beschloss, den Computer zu befragen. Sie stand auf und ging zum Schreibtisch. Ungeduldig trommelte sie mit den Fingern auf die Tischplatte, während der Computer hochfuhr. Schließlich öffnete sie die Suchmaschine, und gab den Begriff ein. Sofort erschien eine Seite. Sie las: Bei einem schweren Schädel-Hirn Trauma werden Gehirnsubstanz und Blutgefäße durch äußere Gewalteinwirkung schwer beschädigt. Das zieht anhaltende Störungen der Gehirnfunktion nach sich, die je nach betroffener Region unterschiedlich ausfallen können. Ein schweres Schädel-Hirn-Trauma ist immer mit einer langen Bewusstlosigkeit verbunden, aus der der Betroffene am Unfallort meist nicht mehr erwacht. Bei länger dauernder Bewusstlosigkeit sofort den Rettungsdienst rufen. Der Betroffene braucht eine Versorgung auf der Intensivstation. Lähmungen, Ausfälle von Sinnesorganen und epileptische Anfälle, vor allem aber Veränderungen der Persönlichkeit sind mögliche Folgen eines schweren Schädel-Hirn-Traumas. Zur Behandlung müssen alle Möglichkeiten der medizinischen Behandlung und Rehabilitation ausgeschöpft werden. Manche Betroffene verfallen in ein unter Umständen jahrelang anhaltendes Koma. Traurig saß das Mädchen da. Das war ja noch schlimmer, als sie befürchtet hatte. Was, wenn Maya nun nicht mehr aus dem Koma aufwachen würde? Und was wäre, wenn sie ernsthaft geschädigt bliebe? Sie blätterte weiter, bis sie fand, was sie suchte: Auswirkungen für den Betroffenen können sein: • Lähmungen • Sprachstörungen • Störungen der Koordination von Bewegungsabläufen (Ataxie) • Bewusstseinsstörungen • Störungen in der Regulation der Körpertemperatur • Störungen der Hirnleistungen (Gedächtnis, Benutzung falscher Gegenstände) • Wahrnehmungsstörungen (Sinnesreize werden im Gehirn nicht weiter verarbeitet) Das wurde ja immer schöner. Lähmung, Sprachstörung… das durfte nicht sein. Nicht ihre Schwester. Welche Heilungschancen hatte man denn da noch? Und wer konnte genau sagen, was ihrer Schwester fehlte? Was konnte sie tun? Wie Schwer war das Schädel- Hirn- Trauma ihrer Schwester? Was, wenn Maya das Sprechen verlernte? Die Gedanken fuhren in ihrem Kopf Karusell. Erst im Morgengrauen schlief das Mädchen ein. Im Traum stand sie wieder am Bett ihrer Schwester. Maya lag wie tot in ihrem Krankenbett. Sie musste sie aufwecken. Sie schüttelte ihre Schwester. „Wach auf, Maya! Wach auf.“ Nichts geschah. Da hörte sie Mayas Stimme: „Leo, hilf mir. Ich brauche dich.“ "Ich komme," rief sie verzweifelt. "Ich komme." Aber die Tür bewegte sich nicht einen Millimeter. „Leo“ hörte sie eine neue Stimme. „Leo, aufstehen. Sonst kommst du zu spät zur Schule.“ Es war ihr Vater. Mühsam öffnete sie die Augen. Er sah so blass und unausgeschlafen aus, wie Leonie sich fühlte. Sie konnte nicht denken. Schule? Warum Schule? Und wo war Maya? Da fiel ihr die Sache mit dem Unfall wieder ein. Sofort war sie hellwach. „Gibt es was Neues?“ fragte sie beklommen. Ihr Vater sah so traurig aus. "Naja, nicht direkt. Also ihr Zustand ist unverändert, aber ein junger Mann hat sich gemeldet. Er hat den Unfall beobachtet und den Notarzt verständigt." Leonie starrte ihn an. Davon hatte gestern niemand etwas gesagt. Wer war dieser Mann? „Komm, das Frühstück ist fertig.“ unterbrach Ulrich die Überlegungen seiner Tochter. „Ich habe keinen Hunger.“ grummelte sie, während sie sich anzog. „Ich muss gehen.“ Sie würde es einfach nicht ertragen, noch länger Zuhause zu bleiben, wo ohne ihre Schwester alles so leer erschien.. Sie konnte diesen traurigen, hoffnungslosen Blick ihres Vaters nicht mehr sehen. Sie wollte einfach nur noch alleine sein. Und um diese Zeit war noch niemand in der Schule. Sie hätte später nicht mehr sagen können, wie sie zur Schule gekommen war. Alles schwebte wie im Traum an ihr vorbei. Und in ihrem Kopf existierte nur noch ein klarer Gedanke: Maya! Sie bemerkte nicht einmal, wie ihre Klassenkameraden lärmend hereinkamen. Der Platz neben Leonie blieb leer und würde wohl auch sehr lange nicht wieder besetzt werden. Der ganze Vormittag zog an ihr vorüber, ohne dass sie etwas davon mitbekam. Wie in Trance saß sie da. „Leo?“ fragte Caro besorgt. Sie hatte ihre Freundin die ganze Zeit beobachtet. „Leo,“ fragte sie noch einmal, diesmal lauter. Leonie zuckte zusammen. „Was ist?“ fragte sie. "Was ist los mit dir? Geht es dir gut? Du wirkst so abwesend. Und wo ist Maya? Ist sie krank?" Leonie schlckte. Dann holte sie tief Luft und sagte: "Maya ist nicht krank. Sie hatte einen Unfall und liegt im Koma." Caro riss die Augen auf und schlug die Hand vor den Mund. "Das ist ja schrecklich." Behutsam nahm sie die schluchzende Leonie in die Arme. Doch nun wollten die anderen aus der Klasse auch wissen was los war und wo Maya sei. Das war zu viel für Leonie. Sie rannte davon. „Leo…“ rief Caro ihr hinterher, doch sie achtete nicht darauf. Durch den Tränenschleier konnte sie kaum etwas erkennen. Maya! Schrie es in ihrem Kopf. Maya, Maya, Maya!!! Kapitel 2 Langsam schob Leonie ihr Rad über den Gehweg. War es wirklich richtig, was sie tat? Egal, ihre Schwester war jetzt wichtiger als die Schule. Außerdem konnte sie sich ohnehin nicht konzentrieren. Sie schloss ihr Rad an den Fahrradständer und ging zur Bahn. Sie würde ihre Schwester besuchen. Vielleicht war sie ja schon aufgewacht? Doch das war eher unwahrscheinlich. Nervös trat sie in die Eingangshalle des Krankenhauses. Sie ging zum Empfang. „Guten Tag.“ sagte sie. Sie räusperte sich. „Ich würde gerne meine Schwester Maya Geske auf der Intensivstation in Zimmer vier besuchen. Geht das?“ Die Empfangsdame sah sie erstaunt an. „Moment, da muss ich nachfragen.“ Sie griff nach dem Telefonhörer. „Hallo Doktor Schmidt. Kann eine Maya Geske besucht werden?“ sie lauschte. „Ja, ihre Schwester.“ wieder sagte der Doktor etwas. „In Ordnung. Ich richte es ihr aus.“ Sie legte auf. „ Du musst dich noch etwas gedulden. Deine Schwester wird gerade untersucht. Der Doktor holt dich dann ab.“ „Danke.“ sagte Leonie. „ Ich setze mich dort drüben hin.“ Sie deutete auf eine Sitzgruppe, wo moderne, weiche Sessel standen,. „In Ordnung.“ Die Empfangsdame sah Leonie mitleidig nach. Offensichtlich war diese junge Frau die Schwester des Unfallopfers, von dem der Doktor ihr erzählt hatte. Sie war ganz blass. Wie sie da im Sessel saß und nervös ihre Hände knetete, tat sie ihr richtig Leid. Da trat der Arzt auf sie zu. „Hallo, Leonie.“ begrüßte er das Mädchen. Sie sprang auf. „Herr…“ „Schmidt. Doktor Schmidt.“ „Wie…“ fing Leo an. „Wie es deiner Schwester geht?“ Das Mädchen nickte. „ Hm, eigentlich unverändert. Sie liegt noch immer im Koma. Ich bringe dich zu ihr.“ Er schritt davon und sie folgte ihm. "Eine Frage hab ich noch." sagte Leonie leise. Der Doktor drehte sich um. "Ja?" "Dieser Mann der... der den Unfall beobachtet hat.. der.. wie heißt der? Ich meine, irgendwie... ich möchte gerne mehr über ihn wissen..." Der Arzt sah sie lange an. "Hmm, eigentlich darf ich dir das ja nicht sagen, aber..." Er überlegte. Es konnte ja eigentlich nicht viel passieren. "Also gut, er heißt Justin Ahlborn. Und er ist 19 Jahre alt." "Und wo wohnt er?" "Das darf ich dir nun wirklich nicht verraten. Tut mir leid." Leonie nickte. Dann würde sie eben versuchen es auf eigene Faust herauszufinden... Dann standen sie auf einmal vor einer Tür. Doktor Schmidt hielt sie Leonie auf. „ Geh bitte hier durch. Wenn es ein Problem gibt, kannst du hier an dem Schalter neben der Tür klingeln. Ich komme dann so schnell ich kann.“ Das Mädchen schlüpfte durch die Tür und fand sich plötzlich neben Mayas Bett wieder. Maya lag mit geschlossenen Augen da. Sie war noch immer an die Geräte angeschlossen, doch die Sauerstoffmaske war verschwunden. Leonie betrachtete sie genauer. Ihr Gesicht war voller Schrammen und blauer Flecken ebenso wie ihre Arme und Beine. Sie hatte keine Sauerstoffmaske mehr auf, dafür verlief aber ein Schlauch über ihre Nase, der sie mit Sauerstoff versorgte. An ihrem Arm war ein weiterer Schlauch festgeklebt, der sie mit dem Tropf verband. Außerdem war sie durch ein Kabel mit einem Gerät verbunden, welches ihre Atmung, den Blutdruck und den Herzrhythmus anzeigte. Das Piepsen machte Leonie fast wahnsinnig, aber gleichzeitig beruhigte es sie auch, da es so regelmäßig war. Das Mädchen war erleichtert. Wenigstens war die Atmung stabil. Langsam trat sie näher. „Hallo, Maya!“ sagte Leonie leise und setzte sich auf den Stuhl neben dem Bett. „Maya, wie geht es dir? Bitte, bitte komm zurück. Ohne dich ist alles schrecklich langweilig in der Schule. Wir haben heute zwar kein Mathe geschrieben, aber die Potenzen kann ich immer noch nicht. Bitte, du musst es einfach schaffen. Ich bin doch ohne dich nicht vollständig. Ich weiß, du kannst das schaffen. Wir vermissen dich alle sehr. Papa hat heute Nacht auch schlecht geschlafen." Jetzt nahm sie die schlaffe Hand ihrer Schwester in ihre und drückte sie sanft. Ihre Schwester sah so friedlich aus. So, als würde sie nur schlafen. „Ach Maya,“ seufzte Leonie. „Was soll ich nur machen? Alles ist so langweilig ohne dich, so trostlos. Und wie sollen die Leute beim tanzen ohne dich auftreten? Die brauchen dich doch...“ sie sah auf die Uhr. Mist. Ohne es zu bemerken, war eine ganze Stunde verstrichen. „Jetzt muss ich aber gehen, sonst machen sich Mama und Papa noch Sorgen, Aber ich verspreche dir, morgen komme ich wieder.“ Sie gab ihrer Schwester einen Kuss auf die Stirn, dann verließ sie das Krankenzimmer. „Tut mir Leid, dass ich so spät komme,“ rief Leonie ihrer Mutter zu. Diese hatte sich einen Tag frei genommen um ihre Gefühle zu ordnen. Auf die Schule hatte sie nur deshalb so viel wert gelegt, weil Leonie immer solche Schwierigkeiten hatte, den Stoff nachzuholen. „Schon in Ordnung.“ sagte sie. „Aber wo warst du? Habt ihr wieder Mathe gemacht?“ Sie wusste zwar, dass Leonie mit Caro gelegentlich Mathe übte, aber in der jetzigen Situation konnte sie sich das beim besten Willen nicht vorstellen. „Nein…“ Leonie zögerte. Sollte sie ihrer Mutter das wirklich erzählen? Würde sie dann nicht wütend? Doch andererseits hatte sie ihr schon immer die Wahrheit gesagt, auch wenn die Wahrheit nicht unbedingt immer erfreulich war. „Nein, ich habe nicht Mathe gemacht. Ich war bei Maya.“ Sie sah zu Boden. Würde Ihre Mutter jetzt schimpfen? Weil sie die Schule geschwänzt hatte? Doch als sie aufschaute, hatte ihre Mutter Tränen in den Augen. „Mama was hast du denn?“ fragte sie erschrocken. „Was ist los?“ „Nichts. Es ist nur… es ist so furchtbar. Warum hast du mir nicht gesagt, dass du zu ihr gehst? Ich hätte dich doch fahren können.“ „Aber.. Das war doch in der Schulzeit.“ sagte sie leise. Ihre Mutter sah sie an. "Glaubst du, das ist jetzt so wichtig? Es geht doch um deine Schwester." Leonie war erleichtert, dass ihre Mutter so dachte. Aber sie hatte trotzdem das Gefühl, es ihr erklären zu müssen. Deshalb sagte sie: „Ich habe das ohne sie nicht ausgehalten. Und ständig diese Fragerei. Ich ertrage das einfach nicht!“ Ihre Mutter seufzte. Wenn sie das gewusst hätte, hätte sie Leonie nicht in die Schule geschickt. Sie sah zu ihrer Tochter hinüber. Wie blass sie war. Warum hatte sie nicht eher gesehen, dass es ihr so schlecht ging. Schließlich war das Kind noch nie ohne ihre Schwester gewesen. Jetzt saß sie da und schluchzte. „Was soll ich ohne sie nur machen? Ich brauche sie doch!“ „Ist ja gut, Schatz.“ Ihre Mutter nahm sie in den Arm. „Alles wird wieder gut.“ sie bemühte sich, ihre Stimme ruhig klingen zu lassen, doch die Sorge um Maya war einfach zu groß. In diesem Moment schellte das Telefon. Oh Gott! Dachte Yvonne. Das war sicher das Krankenhaus. Was war passiert? Ging es Maya schlechter? Oder vielleicht sogar besser? Tausend Gedanken wirbelten ihr durch den Kopf. Sie lief zum Telefon. „Hallo?“ sagte sie leise in den Hörer. Leonie war neben ihre Mutter getreten. „Hallo, hier ist Mandy. Ich wollte mich erkundigen, wie es Maya geht. Caro hat mir erzählt, warum sie heute nicht in der Schule war." „Oh.“ mehr brachte Yvonne nicht heraus. Dann holte sie tief Luft und sagte: " Ich weiß es nicht genau. Aber sie liegt noch immer im Koma." "Oh shit." hörte sie Mandy sagen. " Und wie sollen wir das dann in drei Monaten machen? Ist die denn bis dahin überhaupt wieder auf den Beinen?" "Ich weiß es nicht." sagte Yvonne. "Wahrscheinlich ist es am besten, wenn ihr noch nach einer Zweitbesetzung schaut." Ein wenig später saß Leonie wieder einmal am Computer. Sie musst einfach heraufinden, wer dieser Justin Ahlborn war und wo er wohnte. Vielleicht konnte er ihr ja mehr sagen, damit sie den Kerl erwischten, der ihrer Schwester das angetan hatte... Sie wusste zwar nicht genau, wo sie suchen sollte, aber irgendwo musste sie ja anfangen. Also durchsuchte sie die Vereine der Umgebung ab, ob sie ihn fand. Eine Stunde später war Leonie verzweifelt. Einen Justin gab es weder in einem Sportverein, noch fand sie ihn in Musikvereinen. Wo sollte sie noch suchen? Vielleicht in den Schulen? Doch auch da Fehlanzeige. Mutlos schaltete sie den Computer ab. Sie würde ihn ja doch nicht finden. Wie auch? sie kannte ja nicht einmal seinen vollen Namen. Die nächsten Wochen waren die schlimmsten, die Leonie jemals erlebt hatte. Morgens stand sie unausgeschlafen auf, weil sie immer Alpträume hatte in denen es ständig um Maya ging. In die Schule ging sie nur der Form halber, doch sie bekam nichts mit. Nachmittags besuchte sie mit ihren Eltern Maya und abends versuchte sie so gut es ging für die Schule zu lernen. Doch egal was sie tat, mit den Gedanken war sie immer bei Maya. Langsam verheilten die Schrammen und blauen Flecken, doch sie lag immer noch im Koma. Und immer schwebte die Hoffnungslosigkeit wie eine Gewitterwolke über ihnen. Inzwischen lag Maya schon seit einem Monat im Koma. Heute hatte Leonie eine Überraschung für ihre Schwester dabei, als sie ins Krankenhaus kam. Leise schloss Leonie die Tür und trat an Mayas Bett. „Hallo Süße.“ Sagte sie sanft und stellte einen Kassettenrekorder auf das Nachttisch. „Wie geht es dir? Hoffentlich kommst du bald wieder. Daheim ist es sehr einsam ohne dich. Mama und Papa sind fast immer arbeiten. Dann ist das Haus immer so still und leer. Aber in der Schule fragen sie oft nach dir. Und sie haben sogar eine Genesungskarte gemacht. Hier, schau mal.“ Sie zog die Karte aus der Tasche. „Und alle haben unterschrieben.“ Sie las vor: „Liebe Maya. Wir wünschen dir eine gute Besserung und hoffen, du kommst bald wieder. Mit den besten Wünschen: Jenny, Klara, Anna, Sophia, Joachim, Tom, Eva, Nick, Caro, Josef, Lara, Johannes, Carmen, Walter, Steffen und Johnny.“ Leonie stellte die Karte neben den Kassettenrekorder. „Hättest du gedacht, dass die sich alle so Gedanken machen? Also das hätte ich echt nicht erwartet.“ Zärtlich strich sie ihrer Schwester eine Haarsträne aus dem Gesicht. „Ach, fast hätte ich es vergessen. Ich hab dir was mitgebracht.“ sie sah sich nach einer Steckdose um. „Ich habe dir deine Lieblings- CD.“ Sie drückte auf Play. Während das Lied durch den Raum tönte, hielt Leonie ihrer Schwester die Hand. Sie hoffte so sehr, dass Maya wenigstens ein bisschen davon mitbekam. Ob es ihr half? Plötzlich schreckte sie auf. Bildete sie sich das ein? Oder hatte sich gerade Mayas Finger bewegt? Sie hielt den Atem an. Da, schon wieder. Maya drückte ganz leicht, aber doch zu sehen, die Hand ihrer Schwester! Leonies Herz pochte rasend schnell. Das war ja… Das… das… wurde aber auch Zeit. Jetzt begannen Mayas Augen sich zu bewegen. Ganz, ganz langsam öffnete sie die Augen einen Spalt breit. Sie sah Leonie direkt an. „Hallo Süße“ flüsterte Leonie. „Wie geht es dir?“ Maya sagte keinen Ton. Sie sah Leonie nur lange an. Die wusste gar nicht was sie sagen sollte. Was hatte Maya mitbekommen? Was sollte sie, Leonie jetzt tun? „Ich, ich sag mal dem Arzt Bescheid, ja?" Maya bewegte die Lippen, aber kein Laut kam hervor. „Was hast du gesagt?“ fragte Leonie leise. Maya schloss vor Anstrengung die Augen. „Wasser“ brachte sie schließlich mühsam hervor. „Bitte!“ Tränen der Erleichterung stiegen Leonie in die Augen. „Sicher. Klar, ich besorge dir Wasser.“ Und damit drückte sie den kleinen, roten Knopf, um den Arzt zu holen. Betrübt saßen Yvonne und Ulrich am Küchentisch. Wo blieb Leonie nur? Sie hatte doch schon vor einer Stunde da sein wollen. Hoffentlich war ihr nichts passiert. Seit Mayas Unfall waren sie überbesorgt. Jedes Telefonklingeln war alarmierend. „Ring“ da, schon wieder. Yvonne sprang auf. Auch Ulrich starrte das Telefon an. Mit zitternden Händen nahm sie den Hörer ab. „H- hallo?“ meldete sie sich. „Mama!!“ rief Leonie aufgeregt. „Mama, ihr müsst sofort kommen. Maya ist aufgewacht!!“ Ulrich trat schnell auf seine Frau zu, die einer Ohnmacht nahe schien. Sie schwankte. „Das, das ist ja…“ stammelte sie. „Gut, wir kommen.“ Dankbar lies sie sich auf den Stuhl sinken, den ihr Mann ihr hingeschoben hatte. „Schatz, wir fahren ins Krankenhaus. Maya ist aus dem Koma aufgewacht.“ Als die Eltern im Krankenhaus ankamen, kam ihnen der Arzt entgegen. „Guten Abend,“ sagte er mit einem Lächeln. „Sie wollen sicher ihre Tochter besuchen.“ Als sie nickten, fuhr er fort: „Sie wird sich freuen. Sie ist zwar noch ein bisschen verwirrt, aber das wird sich mit der Zeit sicher geben.“ „Danke,“ sagte Yvonne leise. „Danke für alles.“ „Hallo Maya, mein Schatz. Wie geht es dir?“ Yvonne setzte sich neben ihre Tochter. „Mama“ flüsterte sie. „Papa.“ Auch Ulrich näherte sich dem Bett. „Hallo Liebes.“ sagte er zärtlich. Leonie saß neben ihrer Schwester auf dem Bett und strahlte sie an. Sie war so froh, dass Maya wieder da war, dass sie keinen Ton hervor brachte. Doch ihr Vater wollte jetzt alles ganz genau wissen. "Wer war das? Wie ist das passiert?" Maya runzelte die Stirn. "Wer war was? Wieso?" Sie versuchte sich aufzusetzen, doch alles tat ihr weh. "Was mache ich hier eigentlich? Ich müsste doch schon längst beim Fasching sein." Alle erstarrten. Fasching? Der war doch im Februar gewesen. "Maya, liebes," versuchte Yvonne ihr zu erklären. "Du bist im Krankenhaus, du hattest vor vier Wochen einen Unfall." "Aber..." begann Maya. "Fasching ist schon lange vorbei, wir haben jetzt Juni!" erklärte ihr Vater leise. "Erinnerst du dich nicht?" Maya starrte ihn an, als hätte sie ein Gepenst gesehen, dann schüttelte sie lagsam den Kopf. Kapitel 3 Zuhause angekommen sank Leonie erschöpft auf ihr Bett. Sicher, sie hatte gewusst, dass Maya möglicherweise anders sein würde. Aber so? Warum musste es so kommen? Und was war mit dem tanzen? Ihr Solo konnte sie jetzt ja vergessen, denn sie müsste es ja auch wieder neu lernen. Mit der Schule, wo Maya so vieles nicht mehr wusste? Tausend Gedanken schwirrten ihr durch den Kopf. Sie sah auf die Uhr. Halb neun. Das war nicht zu spät. Sie musste Mandy anrufen. Also ging sie hinüber in das Zimmer ihrer Schwester. Auf dem Schreibtisch lag noch das Addressbuch. Sie schlug es auf, fand die Nummer und ging zum Telefon. Am nächsten Tag wachte Leonie von den Kirchturmglocken auf. Sie sah auf die Uhr- und erschrak. Sie hatte verschlafen. In Windeseile zog sie sich an, schnappte sich einen Apfel vom Küchentisch und warf sich dir Tasche über die Schulter. Es war 7.30Uhr. Wenn sie sich beeilte, bekam sie noch den nächsten Bus. Gestern war es wieder einmal sehr spät geworden. Sie hatte ewig mit Mandy gesprochen und sie hatten hin und her überlegt, wie das alles zu schaffen sei, aber so richtig waren sie zu keinem Ergebnis gekommen. Sie hatten aber abgemacht, dass Mandy mit ihrer Tanzlehrerin reden sollte, wer das Solo nun übernehmen würde. Als sie in der Schule ankam, hatte die Stunde bereits begonnen. „Verzeihung“ murmelte sie und huschte auf ihren Platz. „Ich habe verschlafen“ Frau Weber, ihre Klassenlehrerin, die sie in Deutsch unterrichtete, sah sie lange an. Wie müde und blass Leonie in letzter Zeit wirkte. Der Unfall ihrer Schwester hatte sie sicher sehr mitgenommen. „Schon in Ordnung,“ sagte sie verständnisvoll. „Ach, übrigens,“ sagte sie. „Hat Maya sich über die Karte gefreut?“ Leonie sah auf. Sie nickte. „Sie ist gestern aufgewacht.“ sagte sie leise. „Das sind ja wundervolle Neuigkeiten.“ sagte ihre Lehrerin erfreut.. Die ganze Klasse hörte jetzt zu. Alle riefen durcheinander. „Wie geht es ihr?“ „Kann man sie jetzt besuchen?“ „Wann kommt sie wieder?“ „Ruhe!“ rief Frau Weber. „Nun löchert Leo doch nicht so mit eurer Fragerei. Immer schön der Reihe nach.“ Leonie stöhnte innerlich auf. Warum konnten sie das nicht lassen? Sie stand nicht gerne im Rampenlicht. Und sie wusste auch gar nicht, was Maya davon hielt, wenn sie das allen erzählte. Aber andererseits kannten die meisten sie schon seit fast zehn Jahren. Was blieb ihr da für eine Wahl? „Also,“ fing sie an. „Maya geht es den Umständen entsprechend gut. Sie redet zwar leise und langsam, aber man versteht sie gut. Aber ob ihr sie besuchen könnt, das weiß ich leider auch nicht. Sie liegt immer noch auf der Intensivstation. Sie hat nämlich einen Teil ihres Gedächtnisses verloren. Retrograde Amnesie, sagen die Ärzte.“ Sie konnte es nicht. Sie konnte ihnen nicht sagen wie viel ihre Schwester vergessen hatte. ‚Das geht sie beim besten Willen nichts an‘ dachte Leonie. Und sie fuhr fort: „Vielleicht kommt die Erinnerung wieder, aber das kann sehr lange dauern.“ Als sie geendet hatte, herrschte eine unerträgliche Stille im Raum. Sie hatten alle begriffen, dass es wohl noch eine ganze Weile dauern würde, bis ihre Klassenkameradin wieder kam. "Ja, und was heißt das jetzt?" fragte Katja leise. Katja war ebenfalls eine Freundin von Maya- allerdings erst seit April, seit sie mit ihren Eltern hierher gezogen war. Maya war die einzigste in der Klasse, die mit Katja gut auskam. Katja war zwar nett, aber sie hatte eine Art an sich, die niemand mochte. Katja war seit sie hier war ein Außenseiter. "Wie viel hat sie vergessen?" Leonie erstarrte. Was, wenn sich ihre Schwester nicht an Katja erinnern konnte? Das würde dann heißen... nein, daran durfte sie jetzt nicht denken. "Ich weiß es nicht" flüsterte Leonie. Sie musste sich zusammenreißen um nicht schon wieder zu weinen. Caro legte den Arm um sie. "Das reicht jetzt. Wir müssen mit dem Unterricht weiter machen." Frau Weber hatte begriffen, dass sie jetzt das Thema wechseln mussten. "Also, " fuhr sie fort. "Was sind die besonderen Merkmale einer Interpretation?" Zur gleichen Zeit lag Maya im Krankenbett. Sie war verzweifelt. Sie konnte sich beim besten Willen nicht erinnern, warum sie im Krankenhaus lag. Sie konnte sich überhaupt nicht an den Unfall erinnern. Was ist nur passiert? Dachte sie. Warum konnte sie sich nicht an die letzten drei Monate erinnern? Von den Ärzten wusste sie, dass heute der 2. Juni war. Aber warum war sie sich so sicher, dass sie noch nicht Juni hatten? Was war das letzte was sie noch wusste? Sie zermarterte sich das Hirn. Dann fiel es ihr ein. Natürlich. Vorgestern, ach nein, das war ja vor drei Monaten gewesen. Also am 11. Februar hatte ihre Freundin Mandy ihren 19. Geburtstag gefeiert. Und dann? Was war dann gewesen? Sie überlegte angestrengt, aber davon bekam sie wieder Kopfschmerzen und sie gab auf. Da war nichts mehr. Absolut nichts! Müde ließ sie sich in die Kissen sinken. Für sie war alles anstrengend. Sie wurde so schnell müde. Und dann dieser stechende Kopfschmerz. Man hatte ihr gesagt, das käme von dem Unfall. Von ihrer Kopfverletzung. Aber wie hatte sie die bekommen? Was war das für ein Unfall gewesen? Ein Autounfall? Oder beim tanzen? Man hatte ihr erzählt, dass sie vier Wochen im Koma gelegen hatte. Vier Wochen! Was war in dieser Zeit passiert? Sie hatte schon wieder Rückenschmerzen. Später am Tag kam Leonie zu Besuch. Ihre Schwester begrüßte sie erfreut, doch das lächeln erreichte ihre Augen nicht. Sie fragte sich die genze Zeit, was passiert war, wusste nicht, warum sie so vieles nicht wusste. Leonie versuchte, sie abzulenken, indem sie ihr von der Schule erzählte, doch das nützte nichts. Im Gegenteil. Maya konnte sich auch nicht an den Unterrichtsstoff der letzten 3 Monate erinnern. Also plauderten sie über Gott und die Welt und was es sonst zu erzählen gab. Irgendwann hatten sie nichts mehr zu reden und so saßen sie schweigend nebeneinander, bis Maya vor Erschöpfung die Augen zu fielen. Draußen auf dem Flur atmete Leonie tief durch. Das würde nicht einfach werden. Maya war so verzweifelt gewesen und keiner wusste wie es weiter gehen sollte... Sie war so in ihre Grübelei vertieft, dass sie erst aufsah, als sie mit ihm zusammen stieß. "Hoppla," sagte der Junge freundlich. "Du musst besser aufpassen wo du hinläufst." Dann wurden seine Augen größer. "Du..." stammelte er. "Bist du... aber gestern haben sie mir noch gesagt, du bist eben erst aufgewacht." "Was?" Leonie verstand kein Wort. Von wem sprach der Junge? "Du bist doch Maya Geske, oder?" Leonie stutzte. Dann betrachtete sie den jungen Mann genauer. Er war groß, hatte dunkle Haare und einen großen Blumenstrauß in der Hand. Wer war er? Und wieso zum Teufel wollte er ihre Schwester besuchen? Sie versuchte ein Lächeln, was gründlich misslang, dann sagte sie: "Nein, ich bin Leonie Geske. Aber Maya ist meine Zwillingsschwester. Und wer bist du?" "Ich?" sagte der junge Mann verwirrt. "Ich heiße Justin Ahlborn. Ich habe den Unfall deiner Schwester beobachtet." Leonie starrte ihn an. "Du? Aber..." sie atmete tief durch und dann begann sie von Neuem. "Damit ich das richtig verstehe: du hast den Unfall beobachtet?" Er nickte. "Und du hast den Notarzt gerufen?" Wieder ein Nicken. "Und... und hast du auch gesehen was passiert ist?" Er schüttelte den Kopf. "Nein, gesehen habe ich es nicht, aber sie muss von dem Auto angefahren worden sein. Der Fahrer war wohl betrunken, denn er ist viel zu schnell und in Schlangenlinien gefahren und..." Leonie unterbrach ihn. "Soll das heißen... heißt das, du... du weißt, wer es war?" vor Anspannung ballte sie die Hände zu einer Faust. Er nickte erneut. "Ja, das heißt, ich habe das Autokennzeichen. Und habe es auch der Polizei gesagt. Es wird bereits nach ihm gesucht..." Es entstand eine lange Pause. Leonie war platt. Da stand der Retter ihrer Schwester, den sie nirgends gefunden hatte und erzählte ihr dass ihre Schwester Opfer eines Fahrerflüchtigen geworden war. Plötzlich fiel ihr ein, dass er ja eigentlich ihre Schwester hatte besuchen wollen. Doch warum? Nur, weil er den Unfall beobachtet hatte? Das war relativ unwahrscheinlich. Und dass er wusste dass Maya aus dem Koma aufgewacht war, hieß doch, dass er angerufen hatte... Sie sah ihn an. Er tat nichts, schaute sie nur an und wartete geduldig, bis sie ihre Gedanken geordnet hatte. Sie räsperte sich. "Ich, das heißt wir, sind dir sehr dankbar. Wer weiß was noch alles passiert wäre wenn du sie nicht gefunden hättest. Aber du wolltest Maya besuchen, richtig?" "Ja, naja, das heißt, eigentlich schon, aber man sagte mir, dass nur die Familie zu ihr dürfe. Und da dachte ich, vielleicht, wenn ich Glück habe...." er zögerte. "Ich verstehe. Aber ich glaube nicht, dass es so eine gute Idee ist, jetzt zu ihr zu gehen..." "Das dachte ich mir schon. Meinst du, du kannst ihr..." er hielt ihr die Blumen hin. "Aber sicher. Und du kannst mir ja deine Nummer geben. Dann melde ich mich bei dir, wenn du sie besuchen kannst..." "Ja, das ist eine gute Idee. Wie geht es ihr eigentlich? Die haben mir nichts erzählt, offenbar dürfen sie das nicht." "Das stimmt. Aber ihr geht es nicht besonders gut. Sie sagen, retrograde Amnesie. Sie kann sich nicht an die letzten drei Monate erinnern." Justin riss die Augen auf. "Das ist ja schrecklich. Und wie geht es jetzt weiter?" "Wenn ich das nur wüsste." Leonie seufzte. Er nickte verständnissvoll. "Das ist klar. Aber sie wird es schon schaffen. Und wenn du Hilfe brauchst, kannst du mich ja anrufen. Ich, naja, sagen wir, ich habe einige Erfahrung damit..." Hastig drückte er ihr die Blumen in die Hand. "So, jetzt muss ich aber gehen... bis später." Er drehte sich um und ließ Leonie völlig perpöex zurück. "Justin, warte", rief sie ihm hinterher, aber das hörte er schon nicht mehr. Er hatte vergessen ihr seine Nummer zu geben. So vergingen die Wochen. Allmählich ging es Maya besser. Ihre Kopfschmerzen verschwanden langsam und sie wurde auf die normale Station verlegt. Auch ihr Bein heilte, und der Gips wurde abgenommen. Jeden Tag kam ihre Schwester zu Besuch und meistens in Begleitung ihrer Eltern oder auch Klassenkameraden. Das freute Maya. Doch sie beschäftigte, dass sie sich an nichts erinnern konnte. Wie sollte sie denn je in der Schule mithalten? Sie hatte ihre Schwester gebeten, ihr einige Aufgaben zu stellen. Aber sie konnte es nicht. Entweder sie zermarterte sich so lange den Kopf, bis sie erschöpft aufgeben musste. Sie konnte sich einfach nicht konzentrieren. Doch sie hatte sich fest vorgenommen sich nicht unterkriegen zu lassen. Sie würde das schon schaffen. Sie hatte eine Schwester und Eltern die immer zu ihr hielten und das würde auch so bleiben.Was sie aber im Moment am meisten vermisste war die Natur und die Sonne auf der Haut. Es war ewig her, dass sie das letzte Mal draußen gewesen war. Sie sah aus dem Fenster. Die Sonne schien warm ins Zimmer. Da kam ihr eine Idee. Ihre Schwester kam doch sowieso gleich. Was, wenn sie nach draußen gingen? Das wäre so wunderbar. Es war später Nachmittag, als es an der Tür klopfte. Maya saß im Bett und las. "Herein, " rief sie. Es war Leonie. "Hallo, Schwesterherz." "Hallo" sagte Maya missmutig. "Was ist denn los?" fragte Leonie besorgt. "Warum schaust du so traurig?" "Nichts, es ist nur..." sie zögerte. "Ja?" fragte Leonie erwartungsvoll. "Ich... ach, weißt du, es ist einfach schrecklich langweilig, den ganzen Tag immer nur im Zimmer zu sitzen. Ich würde furchtbar gerne mal wieder an die frische Luft gehen..." sie stockte. "Aber was?" fragte Leonie. Das war das erste mal seit dem Unfall, dass Maya wieder etwas unternehmen wollte. Das freute Leonie riesig. "Das ist doch eine schöne Idee. Genau das wollte ich dir heute auch vorschlagen." "Vielleicht können wir in den Park hinter dem Krankenhaus gehen." meinte Maya hoffnungsvoll. "Ich habe auch mit Herr Schmidt gesprochen. Er sagt, du kannst schon ein bisschen nach draußen gehen. "In Ordnung," sagte sie langsam. "Lass uns nach draußen gehen." "Gut," antwortete Leonie erfreut. Draußen war das schönste Wetter, das man haben konnte. Maya war froh endlich mal einen anderen Geruch in die Nase zu bekommen. Und sie hatte sich vorgenommen, diesen Nachmittag draußen mit ihrer Schwester so richtig zu genießen. Sie musste zwar langsam laufen, denn durch das viele liegen war sie "Leonie, Maya, wartet doch mal!" hörten sie plötzlich eine Stimme rufen. Leonie blieb stehen und drehte sich um: es war Katja. Sofort begann ihr Herz einen Trommelwirbel zu veranstalten. Es war noch zu früh. Sie hatte noch nicht die Zeit gehabt, Maya einzuweihen. Sie hatte noch nicht herausgefunden, ob Maya sich an ihre Freundin erinnerte... denn das war ihr Plan gewesen. Sie hoffte so sehr dass Maya sich an Katja erinnerte. Da stand Katja auch schon vor ihnen. "Maya wie geht es dir?" fragte sie. Maya bemerkte das wohl nicht, doch Leonie sah genau dass Katja nervös war und nicht wusste was sie sagen sollte. Es entstand eine lange Pause. Maya sah Katja sehr verwirrt an, dann schaute sie zu Leonie, die sie aufmunternd ansah. Und dann fragte Maya: "Wer bist du? Kennen wir uns?" Leonie stöhnte innerlich auf. Das war eine Katastrophe. Maya erkannte ihre Freundin nicht. Sie sah Katja an, die ganz blass geworden war. Sie schluckte und dann wandte sie sich an ihre Schwester: "Aber Maya, kennst du denn Katja nicht mehr? Sie ist eine Klassenkameradin von uns seit April und sie ist auch deine Freundin!" "Nein, nein, das kann nicht sein." Nun wurde auch Maya blass. "Doch, so ist es." erwiederte Leonie leise. "Ihr seid befreundet." "Aber, das... das.. nein, nein, nein, das kann nicht sein." Erwiederte Maya mit wachsender Panik. "Das wüsste ich doch!" Maya blickte verstört von Leonie zu Katja, die nur nickte. Dann drehte sich Katja um und ging mit gesenktem Kopf davon. Plötzlich spürte Maya eine eisige Kälte in sich aufsteigen. Und um sie her wurde es dunkel. Kapitel 4 Leonie sah Katja davongehen. Das Mädchen tat ihr so leid. Sie musste unbedingt mit ihr reden. Sie wollte ihr gerade hinterher gehen, als sie eine Bewegung wahrnahm. Maya war auf einmal kreidebleich und schwankte. Sie verdrehte die Augen und fiel um. Leonie konnte sie gerade noch festhalten und zu Boden legen. "Maya? Oh Gott, Maya! Sag doch was." schrie Leonie in Panik. Doch ihre Schwester reagierte nicht. Hilfe! dachte Leonie verzweifelt. Ich muss Hilfe holen. Aber konnte sie ihre Schwester hier einfach stehen lassen? In diesem Zustand? Nein! Das ging nicht. "Hilfe!" schrie sie so laut sie konnte. "Bitte helft mir doch!" Aber es war weit und breit niemand zu sehen. Plötzlich stand jemand neben ihr und legte ihr beruhigend die Hand auf die Schulter. Leonie wirbelte herum. Es war: Justin! "Komm, wir müssen sie nach oben bringen." sagte er jetzt energisch. Behutsam hob er sie hoch und trug sie Richtung Eingang. Immer wieder sah er auf Maya hinunter, die schlaff und reglos in seinen Armen lag. Leonie schüttelte den Kopf. Sie war völlig durcheinander. Der Weg schien ihr endlos lang. Und Maya rührte sich immernoch nicht. Dann war es plötzlich wieder vorbei. Maya öffnete die Augen ein wenig und blickte sich verwirrt um. Sie waren in der Eingangshalle angekommen. Justin setzte Maya auf einem Stuhl ab, wies Leonie an bei Maya zu bleiben, während er einen Arzt holte und ihm den Vorfall schilderte. Leonie kniete sich hin, sodass sie ihrer Schwester in die Augen sehen konnte. Besorgt sah sie Maya an. "Alles in Ordnung?" fragte sie sanft. Maya sah furchtbar erschöpft aus. Und offensichtlich hatte sie Mühe die Augen offen zu halten. Da kam Justin mit einem Arzt zurück. "Das ist sie." sagte Justin nur. Der Arzt nickte. Er schaute Maya mit einem Lämpchen in die halb geschlossenen Augen. Fühlte ihren Puls. Nickte erneut. Dann sagte er zu Leonie und Justin: "Es ist alles wieder in Ordnung. Vermutlich war das zu viel Aufregung. Aber sie sollte sich jetzt besser hinlegen." "In Ordnung" sagte Justin. Sie machten sich zu dritt auf den Weg. Maya ging in der Mitte, von Leonie und Justin gestützt.Sie war sehr wackelig auf den Beinen, fast wie im Halbschlaf. "Geht es ihr auch wirklich gut?" fragte Leonie besorgt. "Ja, ich denke schon." antwortete Justin. "Allerdings glaube ich nicht, dass sie einfach nur ohnmächtig geworden ist. Dafür hat das viel zu lange gedauert. Und schau sie dir an. Sie schläft doch gleich im Stehen ein. Das ist doch nicht normal." "Aber was ist es dann?" Inzwischen waren sie am Krankenzimmer angekommen. Vorsichtig halfen die beiden Maya ins Bett, wo sie sofort die Augen schloss und einschlief. "Es könnte..." begann Justin zögernd, brach dann aber ab. "Was?" fragte Leonie neugierig. Er sah sie lange an, doch dann schüttelte er langsam den Kopf. "Nein. Tut mir furchtbar Leid, Leonie, aber ich kann nicht. Ich... ich muss weg. Man sieht sich." Und weg war er. Verwundert sah Leonie ihm nach. Was war denn das schon wieder? Erst war er hilfsbereit, erklärte ihr alles was sie wissen wollte und dann, im nächsten Moment hatte er plötzlich keine Zeit mehr? Und überhaupt, was machte er eigentlich hier? Und warum lenkte er immer vom Thema ab, sobald sie auf sein Wissen zu sprechen kam? Das war alles sehr merkwürdig.... ".... wir können noch nicht mit Sicherheit sagen, dass es tatsächlich ein epileptischer Anfall war, aber die symptome sprechen dafür. Fast jeder Mensch hat im Laufe seines Lebens einen Anfall, aber es könnte sich auch um eine einmalige Sache handeln." berichtete der Arzt. Leonie und ihre Eltern saßen im Büro des behandelnden Arztes. Yvonne hatte ganz rotgeweinte Augen, Ulrich hielt ihre Hand. Leonie sah zwar gefasst aus, aber innerlich war sie total durcheinander. Das war einfach zu viel in letzter Zeit. Der Unfall, die Amnesie... und jetzt auch noch ein epileptischer Anfall? Warum ausgerechnet ihre Maya? Warum? Der Arzt sah sie an. Die Familie tat ihm furchtbar Leid. Er hatte selbst Kinder und mochte sich garnicht ausmalen, wie es ihm gehen würde, wenn eines seiner Kinder von einem Tag auf den anderen eine Behinderung hätte. "Eigentlich hätte sie Morgen nach Hause können, aber unter diesen Umständen ist es besser, wenn sie noch eine Woche hier bleibt." Leonie stöhnte. Es war Montag Nachmittag. Ihre Mathelehrerin Frau Steinberg hatte für Morgen eine große Klassenarbeit angekündigt. Aber durch die ganze Unfall-Geschichte ihrer Schwester hatte sie in der Schule völlig den Faden verloren und verstanden hatte sie diese dämlichen Potenzen ja sowieso noch nie. Wie um Himmels Willen sollte sie das alles bis morgen können? Und ihre Eltern waren mal wieder arbeiten. Wenn doch nur Maya da gewesen wäre. Die hätte ihr vielleicht helfen können.... Maya... da kam ihr eine Idee. Was wäre, wenn sie ihre Schwester besuchte und die Mathesachen mitnahm? Ihre Schwester konnte es ihr bestimmt erklären. Sie musste diese Arbeit einfach packen, sonst hatte sie ein ernsthaftes Problem was ihre Versetzung betraf. Also packte sie ihre Schulsachen in den Rucksack, warf ihn sich über die Schulter und machte sich auf den Weg. Als Leonie in der Klinik ankam, lag Maya im Bett und döste vor sich hin. Doch als sie ihre Schwwester erkannte, war sie sofort hell wach. "Was machst du denn hier?" fragte sie ganz überrascht und setzte sich auf. "Ich dachte du wolltest mit Mama und Papa erst heute abend kommen?" "Ja, das hatten wir auch so geplant. Aber ich brauche deine Hilfe. Die Steinberg hat die Mathearbeit auf morgen angesetzt und ich kann diese blöden Potenzen einfach nicht. Und du weißt ja, wenn ich die Arbeit versiebe, dann... naja, also, kannst du sie mir vielleicht erklären?" Maya sah ihre Schwester verwirrt an. "Was soll ich dir erklären?" "Na, die Potenzen. Du weißt doch, diese vier hoch drei und so weiter." Doch Maya schüttelte nur den Kopf. "Nein, Leonie. Das habe ich noch nie gehört. Als ihr das durchgenommen habt war ich bestimmt nicht in der Schule." "Doch, ganz sicher. Ich weiß doch noch genau, wie du mir am Tag deines Unfalls helfen woll...." sie verstummte. Plötzlich wurde ihr klar, was sie da eben gesagt hatte. Maya konnte ja überhaupt nicht wissen, was Potenzen waren. Sie konnte sich ja nicht mehr an diese Zeit erinnern. Doch auch Maya hatte begriffen. Sie ließ sich in die Kissen zurücksinken. "Wir haben es gelernt, nur ich habe es wieder vergessen, stimmts?" fragte sie leise. Leonie nickte. Maya sah ihre Schwester sehr nachdenklich an, dann fragte sie langsam, mit zitternder Stimme: "Und das Mädchen gestern im Park, diese Katja, die geht in unsere Klasse, richtig?" "Ja, das ist richtig. Aber sie ist erst seit April in unserer Klasse. Und, naja, also..." sie zögerte. "Was??" fragte Maya nervös. "Du... du bist ihre einzigste Freundin. Keiner sonst mag sie wirklich." "Warum?" Maya spürte, wie sie lansam Panik bekam. Das durfte einfach nicht wahr sein. Schlimm genug, dass sie sich an so viele Dinge und Erlebnisse nicht erinnern konnte, jetzt musste sie auch erkennen, dass sie sich auch an Menschen, die sie in dieser Zeit kennengelernt hatte, absolut nicht erinnern konnte. "Wie ist das nur möglich?" dachte sie laut "wieso weiß ich so vieles nicht mehr?" Mit einem Mal wurde ihr das ganze Ausmaß ihrer Beeinträchtigung bewusst. Wie sollte sie in der Schule mithalten können? "Das tut mir alles so Leid, Maya." sagte Leonie leise. "Aber egal was passiert, vergiss nie, du bist nicht alleine." In dem Moment öffnete sich die Tür und Doktor Schmidt betrat das Zimmer. "Hallo ihr Zwei." sagte er freundlich. "Hallo." antworteten die Mädchen leise. "Warum so traurig?" fragte der Arzt munter. "Übermorgen darfst du nach Hause." Maya sah ihn überrascht an. Sie durfte tatsächlich nach Hause? Sie hatte das Gefühl, endlich einen Lichtfleck am Ende des Tunnels zu sehen. Ein leises Lächeln trat auf ihr Gesicht. Leonie fiel plötzlich wieder ein, dass sie ja eigentlich Mathe lernen müsste. Also verabschiedete sie sich von ihrer Schwester und dem Arzt und verließ das Krankenhaus. Sie musste versuchen Mandy zu erreichen um mit ihr Mathe zu machen. Kapitel 5 Es war Mittwoch. Als Leonie aufwachte war es noch früh am Morgen. Die Sonne schien warm in ihr Zimmer. Was für ein schöner Tag. Das passte wunderbar. Rasch stand sie auf, ging ins Bad hinüber um zu duschen. Heute würde Maya zurückkommen. Endlich. Und sie durfte heute ausnahmsweise daheim bleiben, damit sie mit ihren Eltern Maya abholen konnte. Und morgen würden sie gemeinsam wieder in die Schule gehen. Als sie geduscht hatte lief sie nach unten um Frühstück zu machen. Sie sah auf die Uhr. Es war sieben Uhr morgens. Zwei Stunden noch, bis sie Maya abholen würden. Leonie stellte die Kaffeemaschine an und ging hinüber um ihre Eltern zu wecken. Maya wurde von einer Krankenschwester geweckt. "Guten Morgen. Du musst dich beeilen, heute darfst du im Speisesaal frühstücken. Nach dem Frühstück darfst du nach Hause." Maya´s Herz machte einen Hüpfer. Nach Hause. Wie lange hatte sie darauf gewartet. Rasch zog sie sich an und ging zum Frühstück. Als ihre Eltern kamen, war Maya schon bereit. Sie hatte gefrühstückt und wartete nun darauf, dass sie endlich wieder nach Hause durfte. Zuhause angekommen, ging sie zuerst in ihr Zimmer. Wie lange hatte sie das nicht mehr gesehen. Dann ging sie hinunter ins Wohnzimmer und ließ sich auf die Couch fallen. Ihre Eltern und Leonie setzten sich dazu. Sie wollten beraten wie sie nun weiter machen sollten. Zu allererst wollte Maya wissen, ob sie wieder in die selbe Schule gehen durfte. Ihre Mutter erklärte ihr, dass sie weiter dort hin gehen würde. Allerdings würde sie drei mal die Woche Zusatzunterricht bekommen, damit sie den verpassten Stoff aufholte. Das würde immer dann sein, wenn ihre Klasse Sport habe. Weil Maya sollte sich noch schonen. Das war zwar nicht optimal, aber immernoch besser als das Jahr wiederholen zu müssen. Zur Schule würde sie dann anfangs mit dem Bus fahren, denn Sport durfte sie noch nicht machen. Dann beschlossen sie, da das Wetter so gut war, einen kleinen Spaziergang zu machen. Am nächsten Morgen war Maya sehr aufgeregt. Endlich würde sie wieder in die Schule gehen. Zwar hatte sie ein mulmiges Gefühl, weil sie wusste ja, dass sie nicht mithalten konnte, aber wenigstens würde sie ihre Freunde wieder sehen. Und ihr war auch klar, dass es mit Katja schwierig werden würde. Sie kannte sie nicht, das heißt eigentlich schon, aber sie konnte sich nicht erinnern. Aber das würde schon werden. Zusammen mit ihrer Schwester frühstückte sie und lief dann zur Bushaltestelle.